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Das Vinzenzifest - Eine lange Tradition

Das Vinzenzifest kann auf eine über 300-jährige Tradition zurückblicken. Es wurde durch den Magistrat der alten Reichsstadt Eger, heute Cheb in Tschechien, aus Anlass der Verleihung der Kopfreliquie des Hl. Vinzenz an die Stadt gestiftet und im Jahr 1694 als Erntedankfest zum ersten Mal am letzten Sonntag im August begangen. Es bestand in erster Linie aus einer Prozession der Gläubigen aus dem Egerer Umland nach Eger, einem Erntedankgottesdienst, einem großen Krämermarkt, Volksbelustigungen und Jahrmarkt.
 

 

Die heimatvertriebenen Egerländer, für die die Stadt Wendlingen am Neckar die Patenschaft übernommen hat, haben dieses Fest in ihre neue Heimat mitgebracht und seit 1952 zusammen mit heimischen Heimat- und Trachtenverbänden als eines der größten Brauchtumsfeste in Baden-Württemberg ununterbrochen gefeiert.
 

Nach der Vertreibung entstanden Vereine, die vielen Heimatvertriebenen geholfen haben, den Verlust der Heimat besser zu bewältigen. Ein Treffen am 2. und 3. Juli 1949 in Rothenburg ob der Tauber gab für Anton Rödl und Hubert Matzner den Anstoß, eine eigene Gmoi in Wendlingen am Neckar zu gründen. Am 24. Juli 1949 hatte Toni Rödl seine Landsleute zur Gründungsversammlung in den Gasthof Löwen eingeladen.

 

 

Kurze Zeit nach der Gründung wurde unter Leitung von Kulturwart Walter Helm eine Kindergruppe aufgebaut, die Egerländer Volkstänze lernte. Der erste Gmoiabend, zu dem 65 Egerländerinnen und Egerländer kamen, fand 1949 statt. Noch im selben Jahr traf man sich zur Nikolofeier. Die Tanzgruppe der Erwachsenen startete ihren Übungsbetrieb mit zehn Paaren. Das nächste Großereignis war ein Egerländer Faschingsball in der Gaststätte Traube.

Im Mai 1950 veranstaltete die Gmoi bereits das erste Maibaumfest im Hof der Gartenschule. Zwei Jahre später konnte die Gmoi erstmals beim Gautrachtenfest des Südwestdeutschen Gauverbandes der Heimat- und Trachtenvereine mitwirken. Im selben Jahr wurde das erste Vinzenzifest auf der Schützenwiese, dem heutigen Sportplatz Unterboihingen, durchgeführt und seit 1953 findet der Vinzenzimarkt statt. Was vor 46 Jahren mit 42 Marktständen begann, hat sich bis heute zu einer großen Marktveranstaltung mit über 150 Ständen und einem umfangreichen Warensortiment für den täglichen Bedarf entwickelt. Gleichzeitig wurde bei diesem Anlass der Landesverband der Egerländer Gmoin in Baden-Württemberg gegründet. Der Gründungsakt wurde im kath. Gemeindezentrum Unterboihingen vollzogen und Anton Rödl zum Landesvorsitzenden gewählt. Daraufhin gab er das Amt des Gmoivorstehers an Michael Ott ab. Ihm folgten Anton Lenhart, Walter Helm und Horst Rödl.

 

Anlässlich des 10. Vinzenzifestes wurde die Standarte der Wendlinger Gmoi durch Prälat Petrus Möhler, dem letzten Abt des im April 1950 gewaltsam aufgelösten Stifts Tepl, geweiht.

Die Stadträte Anton Rödl und Hubert Matzner waren es dann auch, die 1965 die Übernahme einer Patenschaft durch die Stadt Wendlingen am Neckar in die Wege leiteten. Die Patenschaftsfeier fand anlässlich des 15. Vinzenzifestes statt.

1968 entstand im alten Rat- und Schulhaus Unterboihingen die Egerländer Heimatstube, welche auch eine Bücherei und ein Archiv enthielt. Nachdem das Gebäude 1997 von der Stadt verkauft wurde, mussten die Ausstellungsstücke vorübergehend eingelagert werden, bis sie einen Platz in der neuen Egerländer Heimatstube im Treffpunkt Stadtmitte fanden.

 

 

Das 30. Vinzenzifest bot den Rahmen, eine Teilreliquie des Hl. Vinzentius nach Wendlingen am Neckar zu bringen. Sie fand ihren Platz in einem Seitenaltar der St. Kolumban Kirche. Beim Vinzenzifest 1978 wurde ein alter Brauch aus dem Egerland wieder aufgegriffen und nach dem Gottesdienst Birnen unter den Festgästen verteilt. Jetzt hatte auch Wendlingen am Neckar seinen Birnsunntag.

 

 

Der 300. Geburtstag von Balthasar Neumann 1987 wurde zum Anlass genommen, eine viel beachtete Ausstellung in der Galerie zu realisieren. Seither findet jedes Jahr während des Vinzenzifestes eine Ausstellung mit Bezug zum Egerland statt. Ein weiterer Höhepunkt in dieser Reihe war die Ausstellung von Otto Herbert Hajek im Jahr 1996.

Ein Meilenstein im Gmoileben war die Einweihung des Egerländer Musikantenbrunnens in der neuen Stadtmitte anlässlich des 37. Vinzenzifestes.

Nach dem Fall der Mauer konnten 1990 erstmals Gäste aus Eger/Cheb und Markneukirchen begrüßt werden. Die Zeichen standen auf Versöhnung und die Wendlinger Bevölkerung spendete den Delegationen, darunter das Jugendblasorchester und die Majoretten aus Eger/Cheb, herzlichen Beifall.

 

In den folgenden Jahren gab sich die politische Prominenz in Wendlingen am Neckar ein Stelldichein. So hielten schon SKH Dr. Otto von Habsburg, der damalige regierende Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen, der tschechische Botschafter, Schriftsteller und Philosoph Jiri Grusa und Ministerpräsident Günther Oettinger die traditionelle Festrede auf dem Marktplatz.

 

 

Wegen seiner über 300-jährigen Geschichte stellt das Fest ein Kulturgut höchsten Ranges dar, das die Stadt Wendlingen am Neckar im Verein mit der Egerländer Gmoi auch in Zukunft weiter pflegen will.